Das Jahrhundert der Aufklärung

 

Die Aufklärung war eine Bewegung, die sich von England in ganz Europa ausbreitete. Aufgrund der soziokulturellen und politischen Veränderungen war sie vor allem im deutschsprachigen Raum in den großen Handelsstädten wie Leipzig, Hamburg, Halle und Zürich von großer Bedeutung. Hindernisse für die Zeit der Aufklärung, die zwischen 1720 und 1800 anzusiedeln ist, waren die Nachwehen des Dreißigjährigen Kriegs und die Zersplitterung Deutschlands in kleine Territorialstaaten. "Aufgrund des herrschenden Kleinstaatdespotismus erlangte die Aufklärung hier nie jene Wirksamkeit wie in England oder Frankreich, wo ein zentralistischer Verwaltungsstaat die wirtschaftliche Entwicklung gefördert und damit die Position des Bürgertums gestärkt hatte." (Mittermayer)

 

Ziel der Aufklärung war der so genannte "aufgeklärte Absolutismus" und nicht die Abschaffung des Absolutismus. Im aufgeklärten Absolutismus sollte der Herrscher der erste Staatsdiener sein. Ein Vertreter dieser Regierungsform war beispielsweise Kaiser Franz Joseph II. (1741 - 1790). Dieser, so sagt man, war seiner Zeit jedoch meilenweit voraus und so konnten sich seine Liberalisierungsbestrebungen nicht auf Dauer durchsetzen. 

 

"Natürlich hatten die Reformen dieser Zeit vor allem die Funktion, wirtschaftliche Rückstände der absolutistischen Staaten zur Zeit der sich ausbreitenden Handelsformen aufzuholen. Die Staaten wurden zentralisiert und ihre Verwaltungsapparate ausgebaut. Vor allem in einer Anfangsphase wurden dafür auch Bürgerliche gebraucht, später wurden jedoch auch diese Ämter wieder mit Aristokraten besetzt. 

 

Der völlige Ausschluss von der politischen Macht bewirkte eine Abwendung des Bürgertums von der unerreichbaren Sphäre der Politik. Im Namen der Moral versuchte man, sich ein positives Selbstverständnis aufzubauen; die Moral als Gegenbegriff zu negativ, also "unmoralisch" gesehenen Politik wurde neben der Bildung bzw. der Erziehung zum zentralen Begriff der Aufklärung." (Mittermayer) Zentraler Mittelpunkt der Aufklärung war also die Bildungs- und Erziehungsfrage. 

 

Belehrende Gattungen: Das Beispiel der Fabel

 

Die Aufklärung, die sich vor allem mit der Bildungs- und Erziehungsfrage beschäftigte, bevorzugte Dichtungsformen, die belehrend waren. Besonders beliebt war hier die Fabel, die eine lehrhafte Dichtung, in der am Beispiel von Tieren menschliche Verhaltensweisen vorgeführt werden. Bedeutende Vertreter für diese Gattung sind Christian Fürchtegott Gellert, der sich an Jean de La Fontaine, einem frz. Dichter, orienterte und Gotthold Ephraim Lessing. Letzterer verlangte von der Gattung der Fabel Kürze und präzise Fasslichkeit, um die zentrale moralische Aussage bzw. die Lehre klar und präzise zum Ausdruck zu bringen. 

 

Die neue Funktion der Literatur zur Zeit der Aufklärung

 

"In der Aufklärung kam es vorerst nicht so sehr zur politischen Emanzipation des wirtschaftlich erstarkten Bürgertums, sondern vor allem zur Loslösung der Literatur aus höfischer Gebundenheit. Während der Literatur bei Hofe im wesentlichen Repräsentationsfunktion gehabt hatte, diente die neue Literatur der Verbreitung bürgerlicher Moralvorstellungen und der Selbstfindung des Bürgertums. 

 

Durch die in England entstandenen "Moralischen Wochenschriften", das wichtigste Artikulationsmedium der Aufklärung, bildete sich erstmals eine breite literarische Öffentlichkeit, ein Zusammenhang von Schriftsteller und Publikum. Die Leserschaft wuchs (vor allem im Zuge der gewaltigen Steigerung der Buch- und Presseproduktion) beträchtlich an. Durch die Ausweitung des Schulwesens ging das Analphabetentum zurück. Bildung galt dem Bürgertum als Voraussetzung für wirtschaftlichen und sozialen Aufstieg. Vor allem aber bildete sich ein neues Leseverhalten heraus: An die Stelle des "intensiven" Lesens in wenigen gleich bleibenden Büchern (Bibel, Erbauungsbücher) trat das "extensive" Lesen in einer sich stets erweiternden Zahl von neuen Büchern. Dadurch entstanden auch die Voraussetzungen für die allmähliche Loslösung des Dichters aus der höfischen Abhängigkeit. (Lessing und Klopstock waren die ersten freien Schriftsteller im deutschen Sprachraum). 

 

Vor allem aber erkannte die Aufklärung im Theater ein wichtiges Medium der moralischen Erziehung. So verdrängte das literarische Drama allmählich das Stegreifspiel, die bisherigen Wandertruppen etablierten sich in den immer größer werdenden Städten als feste Theater und wurden später zu Nationaltheatern. Entscheidend für die Durchsetzung des bürgerlichen Dramas waren jedoch die Neuerungen Gotthold Ephraim Lessings (1729 - 1781). 

 

Lessing war vorübergehend freier Schriftsteller in Berlin, ehe er als Sekretär eines Generals in Breslau und als Bibliothekar in Wolfenbüttel wieder bürgerliche Berufe annehmen musste. Vor allem in seinen "Literaturbriefen" und in der während einer einjährigen Tätigkeit als Dramaturg am Hamburger Nationaltheater entstandenen "Hamburger Dramaturgie" bekämpfte er die Poetik Gottscheds und empfahl gegen das höfische Theater Corneilles und Racines Shakespeare als Vorbild. Vor allem wandelte er die aristotelische Bestimmung zur Katharsis (= einer Reinigung der Seele durch die Erregung von Furcht und Mitleid) ab. 

 

Lessing wollte sein Publikum nicht mehr durch Unterdrückung von Gefühlen und Trieben, sondern durch die ästhetische Einübung von Gefühlen bessern. Die Menschen sollten sich mit den Helden identifizieren und sie dadurch nachahmen - eine zukunftsweisende Wirkungstheorie, deren Gültigkeit aufrecht geblieben ist. Statt des stoischen Heroismus des frz. Klassizismus forderte er deshalb den "gemischten" Charakter, mit dessen Vorzügen und Schwächen sich der Zuschauer besser identifizieren konnte als mit den idealisierten Figuren des herkömmlichen Theaters." (Mittermayer)

 

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Quellen: 

Manfred Mittermayer et al., Das Zeitalter der Aufklärung. In: Diess. (Hgg.), Abriss der deutschsprachigen Literatur von seinen Anfängen bis zur Gegenwart. 3. überarbeitete Auflage. Braumüller: Wien 1999.

Gerald Reiner et al., Das Jahrhundert der Aufklärung. In: Dies. (Hgg.), Stichwort Literatur. Geschichte der deutschsprachigen Literatur. 6. Auflage. Veritas: Linz 2014.