Hildegard von Bingen

 

Leben und „Jugend“

 

Es gibt leider keine genaueren Angaben, wo und an welchem Tag Hildegard von Bingen geboren wurde. Fest steht, dass sie im Jahre 1090 das Licht der Welt erblickte. Zum Thema Geburtsort gibt es zwei Theorien. Entweder ist sie im damaligen Wohnsitz ihres Vaters, in Niederhosenbach (Deutschland), wo sie auch die ersten acht Jahre ihres Lebens verbrachte, geboren oder sie ist in Bermersheim, wo sich ihre Taufkirche befindet, auf die Welt gekommen.

 

(Eine Taufkirche ist eine Kirche, in der man seine Taufe erhält. Die Taufe ist ein Ritual, wobei derjenige zeremoniell in die Glaubensgemeinschaft aufgenommen wird. Dabei wird der zu Taufende in Wasser eingetaucht oder es wird ihm Wasser über den Kopf gegossen. Währenddessen wird eine Taufformel (Gebet) gesprochen. Es ist ein wichtiger Tag für jeden römisch katholischen Christen und existiert schon seit dem neuen Testament.)

 

Hildegard war nicht nur eine begnadete Dichterin sondern auch eine bedeutende Universalgelehrte ihrer Zeit. Sie wird deshalb als Universalgelehrte bezeichnet, weil sie sich mit vielen Bereichen der Wissenschaft befasste. Hildegard von Bingen hat bedeutende Werke zu den Themen Religion, Medizin, Musik, Ethik und Kosmologie hervorgebracht. Außerdem gilt sie als erste Vertreterin der deutschen Mystik im Mittelalter. (Die Mystik beschreibt die göttliche Erfahrung bzw. die Bemühung um eine solche Erfahrung.) Wohl auch deshalb sagt sie, dass sie Inspiration von Gott erhielt. Sie behauptete, Visionen zu haben und Gottes befehle auszuführen. Auf alle Fälle war sie eine große Gelehrte und so angesehen, dass sie als Beraterin von hochgestellten Persönlichkeiten ihrer Zeit tätig war. Die umfangreiche Korrespondenz (= Briefwechsel) mit diesen Persönlichkeiten beweist das. Wenn man dann auch noch liest, wie unbeeindruckt sie manch hochgestellten Zeitgenossen ermahnt, versteht man, welch charismatische und selbstbewusste Frau sie war. Sie war das zehnte Kind von den Edelfreien Mildebert und Mechtild von Bremersheim.

 

(Edelfreie nennt man Adelige, die sich von anderen Freien durch die Zahlung des dreifachen Wertgeldes unterscheiden. Mit Wertgeld kaufte man sich damals quasi frei.)

 

Wie es für ihre Zeit üblich war, wurde Hildegard mit acht Jahren von ihren Eltern als Oblatin, in religiöse Erziehung gegeben. Als Oblatin widmet man sein Leben Gott und der Kirche. In ihrem Fall das seit 1108 von Benediktiner Mönchen bewohnten Kloster Disibodenberg.

Benediktiner sind Mönche die nach den Prinzipien des Heiligen Benedikt leben, so wie z.B die Franziskaner nach dem Heiligen Franziskus. Zeitgleich mit dem Eintritt ins Kloster wurde sie der acht Jahre älteren Jutta von Sponheim unterstellt, welche von da an ihre Lehrmeisterin war. Einige Jahre später legte Hildegard vor dem Bischof von Bamberg die Heilige Profess ab.

 

(Die Profess oder Ordensgelübte ist ein öffentliches Versprechen die Prinzipien und Regeln des Ordens zu befolgen.)

 

Nach dem Tod Juttas wurde Hildegard im Jahr 1136 zur Magistra dieser versammelten Schülerinnen gewählt. Mit der Übernahme dieser Führungsposition kam es mehrfach zu Auseinandersetzungen mit dem Abt, Kuno von Disibodenberg. (Abt = Klostervorstand; weiblich: Äbtissin) vor allem weil Hildegard die Askese lockern wollte.

 

(Die Askese ist aber eine der Hauptprinzipien des Mönchtums und strebt die völlige Enthaltsamkeit um. Armut, Stille, keine persönlichen Freuden oder Vorlieben sind einige der Tugenden der Askese.)

 

Trotzdem lockerte Hildegard die Speisebestimmungen ihrer Gemeinschaft und kürzte die Gebets und Gottesdienstzeiten. Diese waren noch von Jutta festgelegt worden und waren sehr langwierig.

 

Wunsch der Klostergründung und Werke

 

Richtiger Streit brach aber erst aus, als Hildegard ihr eigenes Kloster gründen wollte. Das wollten die Benediktiner von Disibodenberg auf keinen Fall. Immerhin profitierte ihr Kloster von Hildegards Popularität immens. Hildegard von Bingen behauptete schon seit jeher, Visionen zu haben, welche immer in Form von Lichterscheinungen auftraten. Laut ihren Aufzeichnungen werden diese Visionen ab dem Jahre 1141 unwiderstehlich stark. Sie war sich aber unsicher, ob diese Visionen tatsächlich göttlicher Herkunft waren und schrieb deshalb aufgewühlt einen Brief an den Abt des Zisterzienserorden Bernhard von Clairvoux. Dieser war eine bedeutende Person seiner Zeit und hatte viel Einfluss. Zu ihrer Überraschung bekundete er seine Freude über die Gnade Gottes in ihr, denn so sah er die Visionen als Gottes Gnade und ermahnte sie, diese Gnade mit Demut und Hingabe zu entgegnen. In neueren Forschungen wir darüber gestritten, ob dieser Briefwechsel so je stattgefunden hat. Ob es so war oder nicht, fest steht, dass seine Anerkennung viel zu ihrer historischen Persönlichkeit und Popularität beigetragen hat. So begann Hildegard im Jahre 1141 gemeinsam mit Propst Volmur von Disibodenberg (Propst = Grundverwalter des Klosters) und ihren Vertrauten der Noune, Richards von Stade, ihre Visionen und theologisch anthropologischen Theorien in Latein nieder zu schreiben. Da sie aber der lateinischen Grammatik nicht mächtig war, korrigierte ihr Schreiber die Texte, wobei ihr letzter bekannter Schreiber bzw. Sekretär Nilbert von Gembloux war. Nachdem sie ihre Visionen von 1147 als Auftrag Gottes verstand, beschloss sie diese Erfahrungen umzusetzen. Als sie dann auch noch Papst Eugen III im Jahre 1147 die Erlaubnis bekam, ihre Visionen öffentlich zu machen, stärkte sie das enorm und vergrößerte ihre politische Bedeutung, was sie dazu ermutigte mit vielen mächtigen Zeitgenossen von damals in Kontakt zu treten. Ihr Hauptwerk ,,Wisse die Wege des Herrn‘‘ ( Scivias domini, oder nur Scivias ) entstand innerhalb von sechs Jahren und enthält viele theologische Miniaturen in leuchtenden Farben. (Miniaturen= kleine gemalte Bilder von verschiedenen Handlungen bzw. Szenarien zum Verständlich machen der tiefsinnigen und komplizierten Texte.) Da die Original Handschriften seit dem 2.Weltkrieg als verschollen gellten, gibt es nur illustrierte Kopien. Nach einiger Zeit überkam sie wieder die Unsicherheit über ihre Visionen. Heutige Wissenschaftler behaupten, dass sie keine Visionen hatte, sondern unter einer psychischen Krankheit litt, andere vermuten, dass sie ein Skotom hatte, welche Halluzinationen hervorriefen.

 

(Ein Skotom ist die Erkrankung des Auges bzw. des Sehnervs die zu einer Erblindung oder zu Flimmern und Lichtreflexen führen kann.)

 

Es gibt aber auch noch eine Theorie, aufgestellt von dem Neurologen Oliver Sacks, wonach ihre sehr bildlich dargestellten körperlichen Zustände auf Symptome einer schweren Migräne zurückführen sind.

 

Trotz des Widerstandes der Benediktinermönche von Disibodenberg, gründete Hildegard zwischen 1147 und 1150 ihr eigenes Kloster Rupertsberg. Das Kloster wurde in kürzester Zeit landesweit bekannt und erhielt viele gaben und Geschenke in Form von z.B. kostbaren Reliquien (= Heilige Gegenstände, Bilder, Tücher oder auch z.B. Knochen von Heiligen).

 

Da auch die persönlichen Vermögen Hildegards und die von anderen Mitgliedern ans Kloster übergingen, stieg der Besitz immer mehr an und der Reichtum von Kloster Rubensberg war bald weit über die Grenzen bekannt. Das rief natürlich Missmut hervor und viele warfen den Schwestern vor, im Luxus zu Leben und nicht die beschiedene Lebensweise der Benediktiner zu befolgen. Trotzdem konnte das ihre Bekanntheit und Popularität nicht mindern.

 

Die Bedeutung Hildegards lässt sich schwer in Kategorien zwängen. Sie galt als Person, welche durch eigene Denkansätze neue Impulse setzte. Ihre große Bekanntheit verdankt sie ihrem selbstbewussten und charismatischen Auftreten. Außerdem war sie die erste Nonne die öffentlich die Umkehr zu Gott predigte. Sie besuchte verschiedenste Klöster in ganz Europa und unternahm viele Missionarsreisen. In ihrer Tätigkeit als Missionarin versuchte sie, un- bzw. andersgläubigen ihre Religion näher zu bringen und die Menschen zu bekehren. Es ist bekannt, das Hildegard noch im hohen Alter Reisen unternahm. Das und ihre großartigen Werke zeigen wie aktiv und bekannt Hildegard von Bingen in ihrer Zeit war.

 

Besonders theologische Werke begründeten ihren damaligen Ruhm. Ihr erstes Werk ,,Scivas‘‘, in dem das Welt- und Menschenbild untrennbar mit dem Gottesbild verwoben ist gehört genauso dazu wie ihr zweites Visionswerk ,,Liber vitae merrtoum‘‘ ( dt. Buch der Lebensverdienste ) . Visionswerk wird es deshalb genannt, weil sie darin ihre göttlichen Erscheinungen und Erfahrungen niederschrieb. Dieses zweite Buch kann man als visionäre Ethik beschreiben, also von Gott verlangte Moral bzw. Verhaltensregeln. Zu ihren breitgefächerten Themen gehören auch die medizinischen Abhandlungen welche sie zwischen 1150 und 1160 verfasst hat. Arbeiten über Pflanzen und die Entstehung von Krankheiten. Obwohl sie jegliche sexuelle Handlung verurteilte, schrieb sie trotzdem über die Themen Körperlichkeit und Sexualität. Auch in der Musik war Hildegard sehr aktiv tätig. So gibt es eine Sammlung geistlicher Lieder, unter dem Namen ,,Symphonie der Harmonie der himmlischen Erscheinungen‘‘. Besonders in der Gregorianik nimmt Hildegards Musik eine Sonderstellung ein. Nach wie vor werden ihre Lieder gesungen und Kompositionen von ihr gespielt. Ihre Werke sind zeitlos und Teil der Kirchenmusik. Das Kloster Disibodenburg, wo Hildegard ihre ersten Jahre verbrachte wurde in Folge der Reformation aufgelöst und verfiel.

 

(Reformation: Die Reformation zwischen 1517 und 1648 war eine Bewegung, die zur Spaltung des westlichen Christentums in verschiedene Konfessionen wie katholisch, evangelisch, reformiert wurde und von Martin Luther ins Leben gerufen war, der im Grunde genommen nur die Bibel ins Deutsche übersetzen wollte und gegen den Ablasshandel war. Innert dieser Zeit kam es auch zur Gegenreformation, die von den Katholiken begründet war. Sie endete mit dem 30jährigen Krieg, der von 1618 bis 1648 dauerte und teilweise als Erster Weltkrieg bezeichnet wird. Danach herrschte der Leitspruch: Cuius regio, eius religio = „Wessen Land, dessen Relgion“. Österreich war römisch-katholisch, sowie auch das Erzbistum Salzburg und das Königreich Bayern.)

 

Das von Hildegard gegründete Kloster Rupertsberg wurde während des Dreißigjährigen Krieges im Jahr 1632 zerstört. Das Kloster Eibingen nahm die vertriebenen Ordensschwestern auf. Auch dieses Kloster wurde im Zuge der Säkularisation im Jahre 1803 aufgelöst und teilweise abgebaut. (Säkularisation war die Übernahme der kirchlichen Güter durch den Staat- Zwangsenteignung). Ein Flügel des Kloster Eibingen blieb enthalten und wurde zur Pfarrkirche ,,St. Hildegard‘‘ gebracht. (Pfarrkirche ist eine Orts-Gemeindekirche - in diesem Fall Ort Eibingen). Diese Pfarrkirche hat deshalb heute noch große Bedeutung weil die Gebeine Hildegards dort aufbewahrt werden.

 

Heiligsprechung

 

Eigentlich wurde Hildegard schon zu Lebzeiten wie eine Heilige verehrt. Der erste offizielle Auftrag auf Heiligsprechung durch die Kirche wurde 1228 gestellt. Das durch Papst Gregor veranstalte Verfahren zur Heiligsprechung wurde zwar eingeleitet aber nie abgeschlossen. Eine aus dem Jahre 1233 erhaltene originale Urkunde bescheinigt Hildegard einen positiven Ruf und Lebenswandel. Außerdem bezeugen drei Geistliche in der Urkunde, dass mehrere Wunder an Hildegards Grab stattfanden. Aber auch die Überprüfung ihrer Schriften, welche positiv bewertet waren, half nichts. Denn aufgrund von Widerständen des bischöflichen Mainzer Domkapitels dauerte das Verfahren so lange an, dass selbst der letzte bekannte Versuch einer ordentlichen Heiligsprechung unter Papst Innozenz, im Jahre 1244 zu keinem Ergebnis führte. Es stellte sich heraus, dass diese Widerstände nicht Hildegards Person befragen, sondern es ging vielmehr um die Zuständigkeitsfrage, denn erst seit dem 12. Jahrhundert war Rom für die Heiligsprechungen zuständig. Ohne dass es einen ordentlichen Abschluss eines Verfahrens gab, wurde Hildegard schließlich 1564 in das ,,Martyrologium‘‘ (= Verzeichnis der Heiligen der römisch- katholischen Kirche) aufgenommen.

 

Am 10. Mai 2012 dehnte Papst Benedikt die Verehrung der Heiligen Hildegard auf die ganze Kirche aus, am 7. Oktober 2012 folgte ihre Erhebung zur Kirchenlehrerin. Papst Benedikt (Josef Ratzinger), selbst Deutscher, war ein großer Bewunderer von Hildegard, er beschäftigte sich in seiner Zeit als Professor in Bonn (1959-1963) intensiv mit dem Leben und Wirken von Hildegard. Wie wichtig Hildegard von Bingen für die deutschen Kirchenleute ist, zeigen die vielen Kirchen, die unter Schutzherrschaft von ihr stehen. Ganze 14 deutsche Kirchen stehen als Hildegardkirche unter dem Schutz der Heiligen Hildegard. Die berühmteste durfte wohl die Grabeskirche mit dem Reliquienschrein der Heiligen Hildegard sein. Sie steht in Rüdesheim, im Ostteil Eibingen. Hier wird auch der legendäre Eibinger Reliquienschatz aufbewahrt, welche Hildegard zeitlebens zusammengetragen hat. Neben den großen Werken und ihren umfangreichen Briefen sind auch noch Geheimschriften von ihr erhalten ,,Lingua ignota‘‘ bzw. die 25 Geheimzeichen, die ,,Litterae ignota‘‘.

 

Bis zum heutigen Tage sind die Geheimschriften nicht entziffert worden. Viele Glauben das eine Dechiffrierung (= Enträtseln) ein völlig neues Weltbild offenbaren würde, denn es wird vermutet, dass in diesem Code der göttliche Plan für den Aufbau der Welt versteckt it. Bemerkenswert ist aber auch, dass viele ihrer Werke auch unserem heutigen Denken sehr nahe sind. Das erklärt einerseits denn ,,Hildegard Boom‘‘ und das sich hervorragende Wissenschaftler und Hildegard Kenner mit den Werken und der Persönlichkeit Hildegards befassen. Wer immer sich mit Hildegards Werken auseinandersetzte, stellt fest, dass sie uns einen wahren Schatz hinterlassen hat, der nicht nur Einzelinteressen befriedigen soll sondern der gesamten Menschheit Verfügbar gemacht werden sollte. Unzählige Forschungsgruppen, Gesellschaften und Diplomarbeiten in Deutschland und ganz Europa befassen sich mit den Werken und Schriften Hildegards.

 

Dass sich das Interesse an Hildegard auf Amerika und Asien ausgedehnt hat, beweist die vermehrten Hildegard Kongresse. Hildegard von Bingen starb am 17. September 1179 im Alter von 89 Jahren im Kloster Rubensberg. Deshalb gilt der 17. September als Gedenktag der Heiligen und wird in Eibingen Hildegardfest genannt. Es gibt viele Einrichtungen, die nach ihr bekannt wurden und es werden Auszeichnungen in ihrem Namen vergeben. Auch in den Medien wird Hildegard geehrt und ihre Werke verbreitet. An mehreren bekannten Bühnen wurden und werden Werke von ihr aufgeführt. Zu ihrem 900 Geburtstag wurde ,,der Ordo Virtutum von Sepuenta‘‘ neu eingespielt mit Franz Josef Heumannkämpfer als Diabolus und Regisseur. Die Produktion kam in der Royal Albert Mall in London, in der Kirche Note Dame de Paris und beim Melbourne Festival zur Aufführung. Im Jahre 2008 wurde das Leben von Hildegard mit dem Titel ,,Vision aus dem Leben Hildegard von Bingen‘‘ verfilmt.

 

Quellen:

https://www.de.wikipedia.org/wiki/Hildegard_von_Bingen

 

http://www.hildegardvonbingen.info/hildegard-von-bingen/wer-war-hildegard-v-bingen/  

 

erstellt von Aylin Anna Budak 2015/16 (1CSN, VBS Akademiestraße)